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Ostbücher > Der Geschmack des Ostens


Der Geschmack des Ostens
»Letscho, bist du es?«
VON FABIAN TWEDER

Ja, man kann es lesen, das Buch. Es ist niveauvoll geschrieben. Es ist sorgfältig geschrieben. Es ist mit Schmunzeln geschrieben. Nur, was bringt es, diese Sachen immer wieder aufzuwärmen: die Zumutungen in den HO-Gaststätten, das Schlangestehen, die Reserviert-Schildchen und »Sie werden plaziert«, das Vorliebnehmenmüssen mit dem, was sture Verkäuferinnen ins Regal stellen, und die besten Dinge liegen hinten oder unterm Ladentisch. Natürlich war das die beste Sabotage am realen Sozialismus, die man sich vorstellen kann. Die Leute kochten, und irgendwann lief das Faß dann über...

Das »Haben Sie?« und »Wann kriegen Sie?« Die Kaffee- und Ketchupkrisen. Schmalzfleischbüchsen, Rahmbutter, polnische Perlzwiebeln von Hortex. Soljanka, Ragout fin, auch Würzfleisch genannt. Die geblümte Kaffeekanne mit Tropfenfängerschwamm, die Durchreichen im Plattenbau. Kuko-Reis, »Nimm ein Ei mehr«. Würfelzucker-Ebbe. Kaffeesahne »Immergut«, Jägerschnitzel. Bino, Liebesperlen, Rolle Drops. Was passiert, wenn man eine Banane auf die Mauer legt? Da, wo abgebissen wird, ist Osten. Der legendäre Einkaufsbeutel. SKET: Sehen, Kaufen, Einlagern, Tauschen.

Auch einen Speiseplan von 1962 aus dem Berliner Glühlampenwerk hat die Autorin ausgegraben. Und sie gibt Persönliches preis: ihr erstes Kuchenbrötchen nebst roter Marmelade aus der HO im Jahre 1948, das geklaute Silbertablett aus dem Leipziger »Hotel International«, ihr Lieblingslokal: die »Offenbachstuben«. Dazwischen Perspektivwechsel: ihre heutigen Ausflüge beim Recherchieren für das Buch ins Museum für DDR-Alltagskultur in Eisenhüttenstadt und ins Berliner Landesarchiv.

Die Berliner Journalistin, Jahrgang 1941, zelebriert ihren geistigen Horizont: Sie verquirlt Anekdoten, Beobachtungen, Rezepte und Zahlen mit Zitaten von Updike, Proust, Brecht, Benjamin, Hacks. Haften bleibt Heiner Müller über DDR-Verkäuferinnen: »O nicht genug zu preisende Langsamkeit / Der nicht mehr Getriebenen! Schöne Unfreundlichkeit! / Der zum Lächeln nicht mehr Zwingbaren!«

Hier die Liste aller Rezepte (eine solche fehlt im Buch): Rührei mit Krebsfleisch, Soljanka, Kalbsschlegel mit pikanter Tunke, Gebratene Bananen, Wurstgulasch, Kalter Hund, Letscho, Schwarzwurzeln mit französischer Eiersoße, Chinesische Tee-Eier, Sauerbraten, Flambiertes Hähnchen nach irischer Art, Paprika-Eier auf römische Art, Ingwer-Apfel-Chutney, Thüringer Wickelklöße, Sächsischer Weihnachtsstollen, Chinesisches Eisbein.

Damen wie Jutta Voigt kamen im Broilerland kaum auf ihre Kosten. Sie, die soviel Wert legen auf vornehmes Vokabular, Wortgeklingel, Amüsement, Abwechslung, Weltläufigkeit: »Chou-fleur au gratin« - das klang anders als »überbackener Blumenkohl«. Das Phantasielose, Direkte, Plumpe, Hölzerne, Einförmige im gewöhnlichen DDR-Leben, da hatten sie schwer dran zu knabbern.

»Essen hieß auswandern«, schreibt die Autorin. Das ist natürlich übertrieben oder mit Augenzwinkern gesagt, genauso wie »Republikflucht in der Bratpfanne«. Mit Verlaub, das normale Essen war beim normalen DDR-Bewohner schlicht Hungerstillen, Auftanken, Geselligkeit - nichts Subversives hineinzugeheimnissen. Bei Voigt zerfließen jedoch die Unterschiede zwischen Mampfen, Essen, Speisen, Schmausen, Schlemmen, nicht zu reden vom Dinieren. Essen als »Ausgleich und Rückzug«, als »Lebensmittelpunkt«, als »West-Visum für jedermann«, das ja, das mag sein. Aber nicht gleich »auswandern«. Rias hören, das war die wirkliche »Republikflucht«.

Essen als Ersatz für Reisen in die große, weite Welt, Verfressenheit aus Fernweh? Essen kann jedoch als Ersatz für alles Mögliche herhalten. Von Mönchen im Kloster kennt man: Essen (und Trinken) als Ersatz für Sex. Diese Deutung zieht die Autorin nicht in Erwägung, erwähnt gerade einmal die »fast wollüstigen« Ursula-Winnington-Rezepte im »Magazin«, die »nach Sünde und Fremde« dufteten. Alles Verwehrte reizt. Vielleicht ist Verreisen, tiefenpsychologisch betrachtet, bereits Ersatz für elementarere Bedürfnisse, etwa nach Religion, Transzendenz, gerade in der atheistischen DDR? Jedenfalls ist weltweiter Tourismus menschheitsgeschichtlich jung, und sicher keine anthropologische Konstante. Ein gewisses Maß an Frust wabert in allen modernen Industrieländern, sei es die DDR oder die heutige BRD. Man sehe sich nur die gewaltig mit Eßbarem vollgepackten Einkaufswagen an, die die Leute vom Aldi zu ihrem Auto schieben.

Die Geschmacksexpertin, sie geht in ihrem Buch auch Detailfragen an: Warum steht der Ostler auf mehlige Kartoffeln? Warum aß er fast nur Makkaroni, kaum Spaghetti? Ihr eigentlicher Ansatz ist jedoch: »Du bist, was du ißt, oder: Sage mir, was du ißt, und ich sage dir, wer du bist. Wer waren wir?« Ein anspruchsvoller, ein spannender Ansatz, der tiefere Erkenntnisse verheißt. Aber die Autorin bleibt dann doch zu sehr an der Oberfläche. Viele Bäume, aber wo ist der Wald? »Wer waren wir?« Kann man diese Frage anhand von Currywurst & Grilleta abhandeln? Es waren die schweren Speisen, die 40 Jahre die Aufmüpfigkeit lähmten - reicht das als Analyse?

Oder bei den Leibspeisen der beiden Erichs. Honecker: Kaßler in allen Varianten, Mielke: Hefeklöße mit Blaubeeren. »Arbeiterliche« Hausmannskost. Doch die Gleichheits-Verkünder, sie predigten DDR und speisten BRD, kamen doch die meisten Zutaten für die Wandlitzer Tafel von drüben. Voigts Fehlerphilosophie: »Der Fehler war nicht, daß sie sich, anders als ihre Untertanen alle Bedürfnisse erfüllten, das ist unter Machthabern üblich. Der Fehler war, daß sie das Märchen von der Gleichheit bis zum bitteren Ende erzählten.« Hätte also E. H. nur was anderes von seinen Zetteln abgelesen, wäre alles in Butter gewesen? Ist der Fehler nicht schon, wenn es überhaupt »Machthaber« gibt? Man stelle sich vor: der SED-Generalsekretär im Trabi, mit Club-Cola und Schlagersüßtafel. Wie das aufs Volk gewirkt hätte. Doch dafür hätte er ein anderer sein müssen.

Noch einmal: Sich erinnern, Erinnerungen, wozu soll das gut sein? Hilft das bei der Suche nach einem Job, nach einer hellen, ruhigen, günstigen Wohnung? Wer heute arbeitslos ist, wird kaum in der Obhut von Kellnern speisen, auch wenn es keine Schlangen mehr gibt. Vielleicht lernt man nur eines aus solchen Büchern: Die heutige geradezu phantastische Überfülle in Supermärkten und Kaufcentern, sie ist keineswegs selbstverständlich. Es kann auch anders aussehen. Wir dürfen uns also ruhig ein bißchen darüber freuen, jeden Tag Weintrauben, Erdbeeren, Bananen oder Tomaten in beliebiger Menge kaufen zu können.

Jutta Voigt: Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR, geb., 214 S., Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2005 · Bestellen

 

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