Kost the Ost
 

   Ostbücher

Die Schulden des Westens 
Das Jahr der Anarchie
100 Gedichte aus der DDR
Schön nackt - Aktfotografie
Was von der DDR blieb
Konsumgenossenschaften
Berlin-Ost. Fotos
Ankunft - Alltag - Ausreise
Der Geschmack des Ostens
101 Gründe, kein Ossi zu sein
Spreu und Weizen
Das Kollektiv bin ich
Wohlstand, Schönheit, Glück
Zwischen Plan und Pleite
Zonentalk

   Quergefragt

Sebastian Pflugbeil, Strahlenschützer 
Klaus Ender, Fotograf

   Tweder & Stregel

Vita-Cola & Timms Saurer
Deutsche Kulin. Republik
Gut gekauft - gern gekauft
Kost the Ost Quartett
Das kleine Trabi-Buch 
DDR-Getränke-Etiketten 

   Doku

DDR-Karikaturisten
Karikaturisten-Lexikon
Der Gast hat das Wort
[Doku bestellen]

   Internet

Ostlinks
Impressum
 

Quergefragt > Klaus Ender


»In der Natur ist kein Irrtum«
Fragen an den Altmeister der DDR-Aktfotografie Klaus Ender

Klaus Ender, Jg. 1939, 23 Monats-Aktfotos in Das Magazin (von 1965 bis 1975), 150 Aktbilder im»Eulenspiegel« (Funzel) sowie diverse in »neues leben«,»Armee-Rundschau«, »Tribne« (Ferienmagazin). 1970 Foto-Handbuch »MeinModell« im VEB Fachbuchverlag Leipzig, 5 Auflagen mit 95.000 Exemplaren. 1975 Fotoausstellung »Akt & Landschaft«, ber 100.000Besucher zwischen Dresden und Rostock. 1981 nach vielen Querelen Ausreise nachsterreich.

Herr Ender, ein Aktfoto steht und fllt mit dem Modell: Modell gut, Foto gut.Worin besteht da eigentlich noch die Arbeit des Fotografen?

Quarz gut, Porzellan schn? Das ist Quatsch mit Soe. Die Idee des Fotografen mu vom Modell verkrpert werden. Licht und Schatten, Strukturen und Flchen, Schrfe und Unschrfe, Gesichtsausdruck, Krperhaltung mssen bercksichtigt und technisch umgesetzt werden. Das Modell istdie Materie, und der Fotograf der Regisseur und Arrangeur. Ein guter Fotograf macht auch von einem mittelmigen Modell gute Aufnahmen. Ein Knipser sieht hingegenvordergrndige Nacktheit - und bildet diese ab. Ein gutes Aktbild hat Inhalt und Seele.

  Weitere Motive: 2 · 3 · 4 · Vorschau     DDR-Nackedeis

»Ein Aktfoto ist dann gut, wenn das Modell bedenkenlos seinerVerffentlichung zustimmt und das Bild, auch nach vielen Jahren, beimBetrachter immer wieder Anerkennung findet«, wird Gnter Rinnhofer zitiert.Was halten Sie von dieser Definition?

Ich wrde das Wort »bedenkenlos« streichen. Denn bedenken sollte man dieseUnterschrift schon: Weil eseine Entscheidung frs Leben ist. Ansonsten stimme ich mit dem Satz berein.

Viele Fotografen haben als Kriterium, ob ein Aktbild Bestand hat, da auch die Gromtter das Bild sympathisch finden. Die Gromutter steht fr »jenseits von Gut und Bse«. Geschmacklosigkeiten traut man ihr nicht zu. Genau deshalb whlt man sie als unbefangenen Gutachter.

Ist »Anerkennung findet« aber nicht zu bescheiden? Sollte ein gutes Aktfoto nicht eher Begeisterung auslsen? Wenn es die Leute nicht umhaut, wozu dann der ganze Aufwand? Und wenn es Kunst sein soll, mte dann ein wirklich gutes Foto nicht rberbringen, was Rilke vom Archaïschen Torso Apollos sagte: »da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mut dein Leben ndern«?

Nehmen Sie »Anerkennung« als Sammelbegriff fr alle mglichen positiven Reaktionen. Man knnte auch nach »Gefallen« gehen. Ein Aktbild mute bei mir schluendlich so sein, da es 1. mir gefiel, 2. dem Modell und 3. noch der Gromutter als neutralem Betrachter.

Akt bedeutet immer Sinnlichkeit. Ich mchte aber der Anmut, Schnheit und sthetik mehr Platz einrumen. Mein Motto lautet: »Wer nackt Wrde zeigt, gibt sich keine Ble.« Ich mchte mit meinen Aktfotos beweisen, da nicht der Sex dominiert, sondern der Mensch. Da die Frau ein herrliches Geschpf ist, dessen Glieder, Anatomie und Ausstrahlung faszinieren. Diese Faszination zu vermitteln, ist fr mich die erste Fotografen-Pflicht. Tucholsky sagte: »Wer beim Anblick eines schnen Mundes nur ans Essen denkt, ist primitiv.« Ein gutes Aktbild ist eben weit mehr als eine Animation zum Sex.

Sie haben mit der Fotoausstellung Akt & Landschaft die Aktfotografie in der DDR salonfhiggemacht. War Landschaft fr Sie die Balancierhilfe, um den Drahtseilaktder Aktfotografie knstlerisch zu bewltigen?

Als Akt- und Landschaftsfotograf war es fr mich naheliegend, beide Genres miteinander zu verbinden. Wir Menschen kommen aus der Natur und werden wieder Natur. Den Menschen in diese Natur einzubetten ist naturgemer, alsihn in einem Milieu zu zeigen. Ein Bett, eine Badewanne oder eine Couch vermitteln viel mehr Intimitt, was ich eigentlich vermeiden wollte. Auerdem stand die Landschaft jedem Fotografierenden gratis zur Verfgung.

Sie sahen Ihr Modell anscheinend wie eine Freundin. Aber Redakteure, die Fotos fr den Abdruck aussuchen, haben einenanderen Blickwinkel: Sie kennen den abgebildeten Menschen nicht von Angesicht zu Angesicht, und wollen vor allem mit ihrem Heft Furoremachen. Ist die Entgleisung in der Aktfotografiealso stets mit eingebaut?

»Freundin«, das wre vielleicht zu vertraulich. Durch Respekt vor dem Modell und durch die eigenensthetischen Ansprche blieb die Wrde des Menschen bei mir stets Mittelpunkt. Durch falsch verstandene Freiheit gelten heute aber andere Regeln.Fotograf und Modellbedienen meist exhibitionistisch den Voyeur. Die Aktfotografie wurde zur Nacktfotografie.

»Glauben Sie im Ernst daran, da Sie mit Ihren nackten rschen denSozialismus aufbauen helfen?« fragte Sie ein DDR-Kulturfunktionr. Sieerwiderten damals: »Sicher nicht, aber irgendwann wird auch der letzteFunktionr begreifen, da die Darstellung unseres Lebens nicht nur ausverherrlichter Arbeit bestehen kann, und eine rote Fahne kann ich nebenmeine Aktmodelle nun mal nicht setzen.« Wre es aber nicht gerade reizvollgewesen, Nackedeis mit roter Fahne zu fotografieren?

In diesem Moment htte ich meine Ideale verraten. Akt und Landschaft waren die einzigen Themen, die mir zur Verfgung standen, um nicht »sozialistisch« fotografieren zu mssen. Um das zu erreichen, habe ich 10 Jahre als Fotoamateur unter widrigen Lebensbedingungengearbeitet. Ich war Heizer, Dreher und Zellstoffkocher, um durch das 3-Schichten-System mehr Freizeit und Geld fr die Fotografenlaufbahn zu haben.

Nacktheit steht fr Freiheit und Wahrheit. Die Partei definierte Freiheitoffiziell als »Einsicht in die Notwendigkeit«, und vergraulte damit dieLeute. Die Freiheit im Westen fokussierte sich auf »Freie Fahrtfr freie Brger«. Htten die DDR-Oberen da nicht bravours mit »nackten rschen« dagegenhalten knnen?

Das htte ich keineswegs begrt. Ich bin dagegen, die Aktfotografie zu mibrauchen sei es fr ideologische Zwecke oder um Waren besser an den Mann zu bringen.

Ihre Fotos dokumentieren auch, wie die jungen DDR-Frauen die Zeitverbrachten, whrend ihre mnnlichen Altersgenossen als Soldaten auf derSturmbahn geschliffen wurden - »bis der Nabel glnzt«.Wegen eines Fotos vor einem Gebudekomplex in Prora verdchtigte man Sieder Militrspionage. Htte man Ihnen da nicht eher Verhhnung vonWehrpflichtigen vorwerfen knnen?

Ob jemand Soldat wurde oder nicht, lag auch in seinen Hnden. 1961 wurden wir wochenlang agitiert, freiwillig zur Armee zu gehen. Ich war der Einzige, der sich darauf nicht einlie, wurde deshalb im Betrieb strafversetzt (vom gut verdienenden Dreher zum Rostklopfer). Ein Jahr spter, als die Wehrpflicht kam, zog ich alle Register eines Soldaten Schwejk, bis ich nach 12, Musterungsordnung, als dienstuntauglich eingestuft wurde. Fr mich wre es Hohn gewesen, vor anderen stramm stehen oder mit der Zahnbrste den Fuboden schrubben zu mssen.

Wie war das mit der sg. Schamhaarrasur in der DDR? Gab es das nachIhrer Beobachtung?

Nein, das gab es, Gott sei Dank, nicht!Ich zitiere dazu immer Leonardo da Vinci:»In der Natur ist kein Irrtum, sondern wisse, der Irrtum ist in dir.« Dem Schamhaar geht es so wie alten Bumen: Seitdem es Motorsgen gibt, ist es mit dem Respekt vor der Natur vorbei.

Schamhaar verbirgt schamvoll den intimsten Bereich des Krpers und seitdem dieses Haar fehlt, wird dieser Bereich buchstblich schamlos. Es gibt nichts mehr, wasVoyeureamvisuellen Eindringen hindert. Ein Intimbereich, der frher zwei Partnern vorbehalten war, wird heute Allgemeingut. Aus meiner Sicht ist diese Unsittevon groer Tragweite, weil der Intimbereich eines Erwachsenen nach der Rasur weitgehend dem eines Kleinkindes gleicht. Wenn dieser Anblick »sexuell erregend« sein soll,wird damit dem Kindesmibrauch Tr und Tor geffnet.

Sie sprechen bei Frauen ja vom kstlichen Dreieck.Pldieren Sie beim Mann auch fr Karl-Marx-Bart?

Das »kstliche Dreieck« war meine Antwort als ich gefragt wurde, was Ost und West am FKK-Strand unterscheidet. Was den Bart betrifft: Ich trage seit 52 Jahren immer Oberlippenbart, seit 2003 Vollbart.

1980 erschien der satirische Roman Die Entgleisung von Inge vonWangenheim. Darin entgleist in der Nhe eines DDR-Stdtchens einEisenbahnwaggon mit Pornoheften, die fr Schweden bestimmt waren. Die Bewohnertrachten nun alle danach, eins dieser Hefte in ihren Besitz zu bringen...Wirkte sich das generelle Verbot von Pornografie in der DDR befruchtendoder nachteilig auf die knstlerische Aktfotografie aus?

Die Aktfotografie der DDR war nur ein Wimpernschlag in der Geschichte. Aber dieser Wimpernschlag machte uns die Augen auf fr eine anmutige sthetische Aktfotografie.

Der drohende Porno-Vorwurf zwang Knipser dazu, plumpe sexuelle Assoziationen zu vermeiden. Die Aktfotografie hatte trotzdem zunchst zu tun, aus der Schmuddelecke herauszukommen. Als dies mit der Ausstellung »Akt & Landschaft« 1975 endlich gelang, sprangen sofort »Trittbrettfahrer« auf, die ihr »Sppchen« mitkochen wollten. Die Jury beugte sich zunehmend der Masse, die Akt mit Sex gleichsetzt, und so wurde von Jahr zu Jahr das eigentliche Anliegen verwssert, den Akt als eigene Kunstform zu etablieren.

Der »Dammbruch« kam dann 1981, nachdem ich nach sterreich bergesiedelt war. Zwei Jahre spter bei einem DDR-Besuch konnte ich die damalige Ausstellung nur noch mit scharfen Worten »zerreien«. Die langjhrige Kassiererin im Pavillon der Potsdamer Freundschaftsinsel brachte es auf den Punkt, als sie zu mir sagte: »Haben Sie gesehen, was aus Ihrer ersten Aktausstellung geworden ist?! Ich schme mich manchmal, wenn ich hier sitze, und die Kommentare hre.«

Wenn es bei der knstlerischen Aktfotografie nur um sthetik undnicht auch um Erotik ginge, htte es da in der DDR nicht eigentlich auch eineausgeprgte Sparte Mnner-Akte geben mssen?

Es blieb jedem Fotografen berlassen, ob Mann oder Frau sein fotografisches Metier ist. Da aber physisch bedingt die Geschlechtsmerkmale des Mannes deutlicher sind, ist eine knstlerische Umsetzung(ohne da es peinlich wirkt), weitaus schwieriger.Es gibtsehr wenig Aktfotografen, die das Fingerspitzengefhl haben, dieses Fach zu beherrschen. Auerdem ist die Nachfrage nach mnnlichen Aktbildern geringer - denn: »Und immer lockt das Weib.« Fr diese Tatsache hatdie Fraunoch nie um Gleichberechtigung kmpfen mssen.

Helmut Newton trat 1972 bei Marlene Dietrich insFettnpfchen, als ihm der Satz herausrutschte: »Die Beine sind ja nochtoll!« Wie haben Sie Ihre Modelle »dirigiert«? Sicherlich nicht miteinem »Zeig es mir, Baby!«

Ich blieb bei fast allen Modellen beim »Sie«, um eine gewisse Distanz und eine Portion Respekt zu dokumentieren. »Zeig es mir, Baby« und dergleichen ist fr mich undenkbar. Meine Anweisungen erfolgten stets mit Abstand und Anstand - und generell ohne das Modell zu betatschen. Whrenddes Auskleidensdrehte ich dem Modell den Rcken zu. Als Fotograf hat man genug Vorarbeiten wie Film einlegen, Filter und Accessoires bereitlegen, den Hintergrund erfassen. Auerdem schauen, ob sich »Neugierige« eingefunden haben. Dieses Vorgehen strkte das Vertrauen der Modelle und gab ihnen Selbstsicherheit. Ein guter Fotografvermittelt dem Modell sensibel, daߠes sich nicht entblt fhlen mu. Etwas berspitzt gesagt fiel mir die Nacktheit oft erst im Labor ins Auge, wenn sich die Bilder im Entwickler aufbauten.

Wie gingen Aktmodellein der DDR, die ja keine »Profis« waren, damit um, wenn sie auf der Strae anhand von Fotos in einer Zeitschrift erkannt wurden?

Beim ersten Kontakt hatte ich stets eine Mappe mit guten Aktbildern bei mir, die ich dem Modell zeigte. Ich fragte einfach, ob sie sich vorstellen knnte, mir Modell zu stehen. Es gab natrlich nicht selten Bedenken. Daher galt es, in dem Modell das Bewutsein zu wecken, da sie einer guten Sache dient und schon bald begreifen wird, wie schnell Schnheit vergeht. Das Modell mu stolz darauf sein, stellvertretend fr andere Frauen die weibliche Schnheit zu verkrpern und dafr bei einem guten Fotografen Modell zu stehen. Wenn spter jemand, der sie beschmen will, auf diese Geisteshaltung trifft, so wird er selber beschmt werden.

Da es Tamtam geben kann, liegt in diesem Genre auf der Hand: Mein erster Akt im »Magazin« brachte den Vater des Modells auf die Palme, weil er als Ladenbesitzer das Heft mehrfach auf den Tisch gelegt bekam. »Ist das nicht Ihre Tochter?« war die hmische Frage. Der Mann wollte die gesamte Auflage aufkaufen, um die Verbreitung zu verhindern. Ich besnftigte ihn und gab ihm den Rat, Lsternulern einfach ins Gesicht zu sagen: »Ja, das ist meine Tochter, und ich bin stolz auf sie! Sie hat studiert, ist emanzipiert. Und sie ist eine schne Frau - sehen Sie das etwa anders?!«

Die Fragen stellte Fabian Tweder im Juli 2009. Kommentieren

(X)
Ihr Kommentar zu diesem Beitrag (max. 500 Zeichen):



Mehr von Klaus Ender
Meine schnsten Enthllungen - Fnf Jahrzehnte poesievolle Aktfotografie, 2012
DDR-Nackedeis, Postkartenbuch, 2009
Die nackten Tatsachen des Klaus Ender, Autobiographie, 2004
Akt mit Takt (mit Hansgeorg Stengel), 1997
Homepage: klaus-ender.de
 

Verein zur Dokumentation der DDR-Alltagskultur e.V.


Aufgaben / Ziele
Satzung
Vereinstreffen
Pressestimmen
Vorstand / Kontakt

   Best of Ostprodukt

Ostäpfel
Haage Kakteen
Pfeffi Komprimate
Im Nu Malzkaffee
Märchen-Hörspiele

   Kleinanzeigen

Suche Lesen / Aufgeben
Biete Lesen / Aufgeben

   Umfragen

Mehr Sex und Lachen
West-Schauspieler
Wessi-Frauchen-Blödsinn 
Palast abreißen 
DDR nationaler 
DDR, Ex-DDR oder eh. DDR
DDR-Alltag trist oder ruhig
Siegerjustiz
Unrechtsstaat DDR
Wessi-Krieg
DDR-Regelung einführen
Kohl-Protokolle veröffentlichen
Osten verbieten
Das Beste und das Schlimmste an Einheit