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Ostbücher > Spreu und Weizen


Spreu und Weizen
Drei Jahre »Feliks Dzierzynski«
VON FABIAN TWEDER

Augen zu und durch, diese Maxime taugte für das Leben in der DDR, für das Lesen eines Buches über das Leben in der DDR taugt es nicht. Da heißt es Augen aufsperren statt Finger anfeuchten, umso mehr wenn die Hauptfigur das Augen-zu-und-durch-Prinzip praktiziert.

Max Steinert, der Held von Frank Ewalds autobiographischer Erzählung »Spreu und Weizen«, bringt drei Stationen hinter sich: Schule, Lehre und Armee. Keine Herrenjahre waren ihm da beschieden, wie sich leicht denken läßt.

Als Schüler Spätzünder und Streber (alles Einsen auf 10.-Klasse-Zeugnis), absolviert er die Berufsausbildung mit Abitur in einer LPG-Schule im Harz. Das Internat beschert ihm neben Sauftouren auch Disco-Amouren (»Beide hotteten wir wie die Wilden ab«). Er produziert sich am Barren beim Sport-Wettbewerb »Stärkster Lehrling« und fährt mit dem volkseigenen Traktor.

Zwei Drittel des Buches beansprucht allerdings der »Ehrendienst« im Berliner Stasi-Wachregiment »Feliks Dzierzynski«. 1096 Tage währt der Irrsinn, jeder einzelne vergangene Tag wird gezählt.

Für den dreijährigen Militäreinsatz verspricht sich Steinert »Vorteile fürs Studium«, sprich: gleich mit 18 eingezogen zu werden, dann den gewünschten Studienplatz sowie mehr Stipendium zu bekommen.

»Die Soldaten des Wachregiments hatten soviel mit der Stasi zu tun wie Klapperstörche mit Babies.« Diese Feststellung ist für den Ich-Erzähler wichtig, weil sein Vater, der Oberarzt, die Stasi haßt und alle Brücken zum Sohn kappen will, wenn der sich mit der Stasi einläßt.

Natürlich wurden im Wachregiment, das mit der Stasi angeblich nicht so viel zu tun hatte, allerlei Extrawürste gebraten. Das zeigte sich schon daran, daß die Muschkoten nicht die schäbige NVA-Filzuniform anhatten, sondern gewandet gingen in feines Tuch und weiches Leder. In den Ausgang begab man sich vornehm in Zivil.

Ein possierliches Beispiel für Frank Ewalds Schilderungen. Bei einem besonders diensteifrigen Stubengenossen passierte, was man im Armeejargon »Moprala« (Morgenprachtlatte) nannte. Autor Ewald vollführt folgende Darstellung: »Ausgerechnet die Triebhaftigkeit benutzte das Schicksal, um den Buhler daran zu erinnern, daß auch er nur ein Mensch sei. So erschien es nach Wochen weiblicher Abstinenz leicht vorstellbar, daß unser Mustersoldat in seinem Bettchen lag und von dem träumte, was einem richtigen Krieger eher lästig, weil von Schwäche durchtrieben. Zum Weckpfiff polterte Buhler ohne Rücksicht auf Verluste aus seinem Bett, um ja als Erster beim Frühsport zu erscheinen. Erst als er unsere fragwürdigen Blicke bemerkte, hielt er inne und schöpfte Verdacht. Seine Schlafanzughose bildete ein Spitzzelt in peinlicher Gegend. Fassungslos gab er sich einen Hieb zwischen die Beine, auf daß wir alle vor mitfühlendem Schmerz die Gesichter verzogen. Aber Fehlanzeige. Das Werk brach in sich zusammen, wie ein vertrockneter Zeuge am Tatort einer feuchten Nacht.«

Ewalds Schreibe ist zwar nicht die flotteste, aber er dokumentiert Einzelheiten, die sich niemand aus den Fingern saugen kann, der es nicht selber erlebt hat. Öde und Hirnverbranntheit des Heereslebens werden anschaulich. Man ahnt, warum der Zusammenbruch der DDR ganz ohne militärische Gegenwehr über die Bühne ging: Die Truppe war bis hinein ins Offizierskorps tief demoralisiert und vom sturen DDR-System, das Gorbatschows Perestroika abblockte, frustriert. Am Ende wollte für die sozialistischen »Errungenschaften« niemand mehr seine Hände in Blut tauchen.

Man kann dem Autor vorwerfen, daß das Buch viel zu langatmig ist. Aber wie schreibt er so schön wie umständlich: »Sich allzu schnell über die Fehler eines Menschen lustig zu machen, um im selben Moment in die Sphäre der eigenen Überheblichkeit zu entschweben, ist eine altbekannte Menschensache.«

Zum Schluß bleibt beim Helden (und beim Leser) so etwas wie Erleichterung, daß es vorbei ist. Die Beethoven-Büste thront wie seit Kindheitstagen noch immer auf dem Bücherregal. Doch der »Große Moritz«, ein Findling auf der Dorfwiese, zu dem es Steinert immer wieder zog, um in der Stille zur Besinnung zu kommen, mußte einer Auto-Straße weichen: »Kein Fahrer weiß von dem Ort meiner Erinnerung, niemand kennt den zugeschütteten Bach unter dem Asphalt, wo das Leuchten eines Glückspfennigs erloschen ist«. Hat der Glückspfennig jemals richtig geleuchtet?

Frank Ewald: Spreu und Weizen, Erzählung. 349 S., br., Libri - BoD, Norderstedt 2000, 20,40 EUR, Bestellen
 
 Mehr vom Autor
Monopoly in Prenzlauer Berg, 2006
 
 

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