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Quergefragt > Klaus Ender


»In der Natur ist kein Irrtum«
Fragen an den Altmeister der DDR-Aktfotografie Klaus Ender

Klaus Ender, Jg. 1939, 23 Monats-Aktfotos in Das Magazin (von 1965 bis 1975), 150 Aktbilder im »Eulenspiegel« (Funzel) sowie diverse in »neues leben«, »Armee-Rundschau«, »Tribüne« (Ferienmagazin). 1970 Foto-Handbuch »Mein Modell« im VEB Fachbuchverlag Leipzig, 5 Auflagen mit 95.000 Exemplaren. 1975 Fotoausstellung »Akt & Landschaft«, über 100.000 Besucher zwischen Dresden und Rostock. 1981 nach vielen Querelen Ausreise nach Österreich.

Herr Ender, ein Aktfoto steht und fällt mit dem Modell: Modell gut, Foto gut. Worin besteht da eigentlich noch die Arbeit des Fotografen?  

Quarz gut, Porzellan schön? Das ist Quatsch mit Soße. Die Idee des Fotografen muß vom Modell verkörpert werden. Licht und Schatten, Strukturen und Flächen, Schärfe und Unschärfe, Gesichtsausdruck, Körperhaltung müssen berücksichtigt und technisch umgesetzt werden. Das Modell ist die Materie, und der Fotograf der Regisseur und Arrangeur. Ein guter Fotograf macht auch von einem mittelmäßigen Modell gute Aufnahmen. Ein Knipser sieht hingegen vordergründige Nacktheit - und bildet diese ab. Ein gutes Aktbild hat Inhalt und Seele.

  Weitere Motive: 2 · 3 · 4 · Vorschau     DDR-Nackedeis

»Ein Aktfoto ist dann gut, wenn das Modell bedenkenlos seiner Veröffentlichung zustimmt und das Bild, auch nach vielen Jahren, beim Betrachter immer wieder Anerkennung findet«, wird Günter Rinnhofer zitiert. Was halten Sie von dieser Definition?  

Ich würde das Wort »bedenkenlos« streichen. Denn bedenken sollte man diese Unterschrift schon: Weil es eine Entscheidung fürs Leben ist. Ansonsten stimme ich mit dem Satz überein.

Viele Fotografen haben als Kriterium, ob ein Aktbild Bestand hat, daß auch die Großmütter das Bild sympathisch finden. Die Großmutter steht für »jenseits von Gut und Böse«. Geschmacklosigkeiten traut man ihr nicht zu. Genau deshalb wählt man sie als unbefangenen Gutachter.  

Ist »Anerkennung findet« aber nicht zu bescheiden? Sollte ein gutes Aktfoto nicht eher Begeisterung auslösen? Wenn es die Leute nicht umhaut, wozu dann der ganze Aufwand? Und wenn es Kunst sein soll, müßte dann ein wirklich gutes Foto nicht rüberbringen, was Rilke vom Archaïschen Torso Apollos sagte: »da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern«?  

Nehmen Sie »Anerkennung« als Sammelbegriff für alle möglichen positiven Reaktionen. Man könnte auch nach »Gefallen« gehen. Ein Aktbild mußte bei mir schlußendlich so sein, daß es 1. mir gefiel, 2. dem Modell und 3. noch der Großmutter als neutralem Betrachter.

Akt bedeutet immer Sinnlichkeit. Ich möchte aber der Anmut, Schönheit und Ästhetik mehr Platz einräumen. Mein Motto lautet: »Wer nackt Würde zeigt, gibt sich keine Blöße.« Ich möchte mit meinen Aktfotos beweisen, daß nicht der Sex dominiert, sondern der Mensch. Daß die Frau ein herrliches Geschöpf ist, dessen Glieder, Anatomie und Ausstrahlung faszinieren. Diese Faszination zu vermitteln, ist für mich die erste Fotografen-Pflicht. Tucholsky sagte: »Wer beim Anblick eines schönen Mundes nur ans Essen denkt, ist primitiv.« Ein gutes Aktbild ist eben weit mehr als eine Animation zum Sex.

Sie haben mit der Fotoausstellung Akt & Landschaft die Aktfotografie in der DDR salonfähig gemacht. War Landschaft für Sie die Balancierhilfe, um den Drahtseilakt der Aktfotografie künstlerisch zu bewältigen?  

Als Akt- und Landschaftsfotograf war es für mich naheliegend, beide Genres miteinander zu verbinden. Wir Menschen kommen aus der Natur und werden wieder Natur. Den Menschen in diese Natur einzubetten ist naturgemäßer, als ihn in einem Milieu zu zeigen. Ein Bett, eine Badewanne oder eine Couch vermitteln viel mehr Intimität, was ich eigentlich vermeiden wollte. Außerdem stand die Landschaft jedem Fotografierenden gratis zur Verfügung.

Sie sahen Ihr Modell anscheinend wie eine Freundin. Aber Redakteure, die Fotos für den Abdruck aussuchen, haben einen anderen Blickwinkel: Sie kennen den abgebildeten Menschen nicht von Angesicht zu Angesicht, und wollen vor allem mit ihrem Heft Furore machen. Ist die Entgleisung in der Aktfotografie also stets mit eingebaut?

»Freundin«, das wäre vielleicht zu vertraulich. Durch Respekt vor dem Modell und durch die eigenen ästhetischen Ansprüche blieb die Würde des Menschen bei mir stets Mittelpunkt. Durch falsch verstandene Freiheit gelten heute aber andere Regeln. Fotograf und Modell bedienen meist exhibitionistisch den Voyeur. Die Aktfotografie wurde zur Nacktfotografie. 

»Glauben Sie im Ernst daran, daß Sie mit Ihren nackten Ärschen den Sozialismus aufbauen helfen?« fragte Sie ein DDR-Kulturfunktionär. Sie erwiderten damals: »Sicher nicht, aber irgendwann wird auch der letzte Funktionär begreifen, daß die Darstellung unseres Lebens nicht nur aus verherrlichter Arbeit bestehen kann, und eine rote Fahne kann ich neben meine Aktmodelle nun mal nicht setzen.« Wäre es aber nicht gerade reizvoll gewesen, Nackedeis mit roter Fahne zu fotografieren?  

In diesem Moment hätte ich meine Ideale verraten. Akt und Landschaft waren die einzigen Themen, die mir zur Verfügung standen, um nicht »sozialistisch« fotografieren zu müssen. Um das zu erreichen, habe ich 10 Jahre als Fotoamateur unter widrigen Lebensbedingungen gearbeitet. Ich war Heizer, Dreher und Zellstoffkocher, um durch das 3-Schichten-System mehr Freizeit und Geld für die Fotografenlaufbahn zu haben. 

Nacktheit steht für Freiheit und Wahrheit. Die Partei definierte Freiheit offiziell als »Einsicht in die Notwendigkeit«, und vergraulte damit die Leute. Die Freiheit im Westen fokussierte sich auf »Freie Fahrt für freie Bürger«. Hätten die DDR-Oberen da nicht bravourös mit »nackten Ärschen« dagegenhalten können?  

Das hätte ich keineswegs begrüßt. Ich bin dagegen, die Aktfotografie zu mißbrauchen – sei es für ideologische Zwecke oder um Waren besser an den Mann zu bringen.

Ihre Fotos dokumentieren auch, wie die jungen DDR-Frauen die Zeit verbrachten, während ihre männlichen Altersgenossen als Soldaten auf der Sturmbahn geschliffen wurden - »bis der Nabel glänzt«. Wegen eines Fotos vor einem Gebäudekomplex in Prora verdächtigte man Sie der Militärspionage. Hätte man Ihnen da nicht eher Verhöhnung von Wehrpflichtigen vorwerfen können?  

Ob jemand Soldat wurde oder nicht, lag auch in seinen Händen. 1961 wurden wir wochenlang agitiert, freiwillig zur Armee zu gehen. Ich war der Einzige, der sich darauf nicht einließ, wurde deshalb im Betrieb strafversetzt (vom gut verdienenden Dreher zum Rostklopfer). Ein Jahr später, als die Wehrpflicht kam, zog ich alle Register eines Soldaten Schwejk, bis ich nach § 12, Musterungsordnung, als dienstuntauglich eingestuft wurde. Für mich wäre es Hohn gewesen, vor anderen stramm stehen oder mit der Zahnbürste den Fußboden schrubben zu müssen.

Wie war das mit der sg. Schamhaarrasur in der DDR? Gab es das nach Ihrer Beobachtung?  

Nein, das gab es, Gott sei Dank, nicht! Ich zitiere dazu immer Leonardo da Vinci: »In der Natur ist kein Irrtum, sondern wisse, der Irrtum ist in dir.« Dem Schamhaar geht es so wie alten Bäumen: Seitdem es Motorsägen gibt, ist es mit dem Respekt vor der Natur vorbei. 

Schamhaar verbirgt schamvoll den intimsten Bereich des Körpers und seitdem dieses Haar fehlt, wird dieser Bereich buchstäblich schamlos. Es gibt nichts mehr, was Voyeure am visuellen Eindringen hindert. Ein Intimbereich, der früher zwei Partnern vorbehalten war, wird heute Allgemeingut. Aus meiner Sicht ist diese Unsitte von großer Tragweite, weil der Intimbereich eines Erwachsenen nach der Rasur weitgehend dem eines Kleinkindes gleicht. Wenn dieser Anblick »sexuell erregend« sein soll, wird damit dem Kindesmißbrauch Tür und Tor geöffnet.  

Sie sprechen bei Frauen ja vom köstlichen Dreieck. Plädieren Sie beim Mann auch für Karl-Marx-Bart?

Das »köstliche Dreieck« war meine Antwort als ich gefragt wurde, was Ost und West am FKK-Strand unterscheidet. Was den Bart betrifft: Ich trage seit 52 Jahren immer Oberlippenbart, seit 2003 Vollbart.

1980 erschien der satirische Roman Die Entgleisung von Inge von Wangenheim. Darin entgleist in der Nähe eines DDR-Städtchens ein Eisenbahnwaggon mit Pornoheften, die für Schweden bestimmt waren. Die Bewohner trachten nun alle danach, eins dieser Hefte in ihren Besitz zu bringen... Wirkte sich das generelle Verbot von Pornografie in der DDR befruchtend oder nachteilig auf die künstlerische Aktfotografie aus?  

Die Aktfotografie der DDR war nur ein Wimpernschlag in der Geschichte. Aber dieser Wimpernschlag machte uns die Augen auf für eine anmutige ästhetische Aktfotografie.

Der drohende Porno-Vorwurf zwang Knipser dazu, plumpe sexuelle Assoziationen zu vermeiden. Die Aktfotografie hatte trotzdem zunächst zu tun, aus der Schmuddelecke herauszukommen. Als dies mit der Ausstellung »Akt & Landschaft« 1975 endlich gelang, sprangen sofort »Trittbrettfahrer« auf, die ihr »Süppchen« mitkochen wollten. Die Jury beugte sich zunehmend der Masse, die Akt mit Sex gleichsetzt, und so wurde von Jahr zu Jahr das eigentliche Anliegen verwässert, den Akt als eigene Kunstform zu etablieren.

Der »Dammbruch« kam dann 1981, nachdem ich nach Österreich übergesiedelt war. Zwei Jahre später bei einem DDR-Besuch konnte ich die damalige Ausstellung nur noch mit scharfen Worten »zerreißen«. Die langjährige Kassiererin im Pavillon der Potsdamer Freundschaftsinsel brachte es auf den Punkt, als sie zu mir sagte: »Haben Sie gesehen, was aus Ihrer ersten Aktausstellung geworden ist?! Ich schäme mich manchmal, wenn ich hier sitze, und die Kommentare höre.«

Wenn es bei der künstlerischen Aktfotografie nur um Ästhetik und nicht auch um Erotik ginge, hätte es da in der DDR nicht eigentlich auch eine ausgeprägte Sparte Männer-Akte geben müssen?

Es blieb jedem Fotografen überlassen, ob Mann oder Frau sein fotografisches Metier ist. Da aber physisch bedingt die Geschlechtsmerkmale des Mannes deutlicher sind, ist eine künstlerische Umsetzung (ohne daß es peinlich wirkt), weitaus schwieriger. Es gibt sehr wenig Aktfotografen, die das Fingerspitzengefühl haben, dieses Fach zu beherrschen. Außerdem ist die Nachfrage nach männlichen Aktbildern geringer - denn: »Und immer lockt das Weib.« Für diese Tatsache hat die Frau noch nie um Gleichberechtigung kämpfen müssen.  

Helmut Newton trat 1972 bei Marlene Dietrich ins Fettnäpfchen, als ihm der Satz herausrutschte: »Die Beine sind ja noch toll!« Wie haben Sie Ihre Modelle »dirigiert«? Sicherlich nicht mit einem »Zeig es mir, Baby!«  

Ich blieb bei fast allen Modellen beim »Sie«, um eine gewisse Distanz und eine Portion Respekt zu dokumentieren. »Zeig es mir, Baby« und dergleichen ist für mich undenkbar. Meine Anweisungen erfolgten stets mit Abstand und Anstand - und generell ohne das Modell zu betatschen. Während des Auskleidens drehte ich dem Modell den Rücken zu. Als Fotograf hat man genug Vorarbeiten wie Film einlegen, Filter und Accessoires bereitlegen, den Hintergrund erfassen. Außerdem schauen, ob sich »Neugierige« eingefunden haben. Dieses Vorgehen stärkte das Vertrauen der Modelle und gab ihnen Selbstsicherheit. Ein guter Fotograf vermittelt dem Modell sensibel, daß es sich nicht entblößt fühlen muß. Etwas überspitzt gesagt fiel mir die Nacktheit oft erst im Labor ins Auge, wenn sich die Bilder im Entwickler aufbauten.  

Wie gingen Aktmodelle in der DDR, die ja keine »Profis« waren, damit um, wenn sie auf der Straße anhand von Fotos in einer Zeitschrift erkannt wurden?  

Beim ersten Kontakt hatte ich stets eine Mappe mit guten Aktbildern bei mir, die ich dem Modell zeigte. Ich fragte einfach, ob sie sich vorstellen könnte, mir Modell zu stehen. Es gab natürlich nicht selten Bedenken. Daher galt es, in dem Modell das Bewußtsein zu wecken, daß sie einer guten Sache dient und schon bald begreifen wird, wie schnell Schönheit vergeht. Das Modell muß stolz darauf sein, stellvertretend für andere Frauen die weibliche Schönheit zu verkörpern und dafür bei einem guten Fotografen Modell zu stehen. Wenn später jemand, der sie beschämen will, auf diese Geisteshaltung trifft, so wird er selber beschämt werden.

Daß es Tamtam geben kann, liegt in diesem Genre auf der Hand: Mein erster Akt im »Magazin« brachte den Vater des Modells auf die Palme, weil er als Ladenbesitzer das Heft mehrfach auf den Tisch gelegt bekam. »Ist das nicht Ihre Tochter?« war die hämische Frage. Der Mann wollte die gesamte Auflage aufkaufen, um die Verbreitung zu verhindern. Ich besänftigte ihn und gab ihm den Rat, Lästernäulern einfach ins Gesicht zu sagen: »Ja, das ist meine Tochter, und ich bin stolz auf sie! Sie hat studiert, ist emanzipiert. Und sie ist eine schöne Frau - sehen Sie das etwa anders?!«

Die Fragen stellte Fabian Tweder im Juli 2009. Kommentieren

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Die nackten Tatsachen des Klaus Ender, Autobiographie, 2004
Akt mit Takt (mit Hansgeorg Stengel), 1997
Homepage: klaus-ender.de
 

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