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Ostbücher > Wohlstand, Schönheit, Glück


DDR-Konsumgeschichte
Überfluß an Ladenhütern
VON FABIAN TWEDER

Als Diogenes sah, wie ein Junge aus der Hand trank, warf er seinen Becher weg. »Fröhliche Askese« war das Motto dieses Philosophen - ein Motto, das dem DDR-Bürger nicht sonderlich gefiel und dem er daher rigoros zuwiderhandelte. Wie er das tat und was ihm dabei widerfuhr, das zeigt Annette Kaminsky in ihrer »Kleinen Konsumgeschichte«.

Becher in rauhen Mengen - natürlich aus Plaste - zauberte das Chemieprogramm herbei. Dessen Losung »Wohlstand, Schönheit, Glück« erwählte die Autorin als Buchtitel - leider ohne sie explizit durchzukneten. Wie definierte man Wohlstand, Schönheit und Glück?

Auch barfuß mußte der DDR-Bürger nicht gehen: Es gab Römerlatschen, handgefertigte Pantoffeln und importierte Salamander-Schuhe. Sehr begehrt und demzufolge rar waren nicht nur »hochwertige Konsumgüter« wie Nähmaschinen, Kühlschränke und Farbfernseher, sondern auch die »tausend kleinen Dinge«: Toilettenpapier, Wäscheklammern, Schuhanzieher.

Zu kurz im Buch kommt allerdings das liebste Kind der DDR-Deutschen: das Auto. Annette Kaminsky widmet diesem »Freiheitssymbol« gerade anderthalb Seiten. Zwar räumt sie ein, daß das Auto »eines der begehrtesten Objekte« der Ostler war, aber warum bringt sie es dann fertig, die Begriffe »Trabant« und »Wartburg«, die ein ganzes motorisiertes Universum umspannen, im Buch nicht ein einziges Mal zu erwähnen? Eine echte Meisterleistung! Dafür - spricht da die Hausfrau? - wird der Kurbel-Waschtopf »Her-Old« gleich zweimal ausführlich gewürdigt.

Gut vertreten sind Mode und Bekleidung, Möbel, Lebensmittel, Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik. Auch die Versorgungseinrichtungen selber werden fabelhaft beleuchtet, als da waren Konsum, HO, Kaufhaus, Versandhandel, Delikat, Exquisit, Intershop, Genex. Nicht zu vergessen: die Westverwandtschaft, die mit zahllosen Paketen »in jedem Einzelfall versorgungspolitisch relevante« Leistungen erbrachte.

Der Leser bekommt aber keineswegs nur eine große Mangel-Litanei serviert. Im Arbeiter-und-Bauern-Staat gab es nicht nur Engpässe, auch ein gigantisches Überangebot - an Ladenhütern. Um Plankennziffern zu erfüllen, wurde »munter am Bedarf vorbeiproduziert«, stellten die Betriebe »mit dem für sie geringsten Aufwand in aberwitzigen Mengen vom Käufer nicht benötigte Waren« her.

Ebenso absurd: Die SED-Strategen wollten die Überlegenheit ihres Sozialismus durch einen höheren Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch und Butter beweisen. In diesen Disziplinen erreichte die DDR tatsächlich bald »Weltniveau«. Doch je mehr die Menschen schmausten, desto kränker wurden sie. Der Wettlauf der Systeme war ohnehin längst verloren, da half dann auch Askese bei Rahmbutter und Burger Knäcke nichts.

Gemessen an den sozialistischen Bruderländern lebte der DDR-Bürger trotz aller Versorgungskrisen wie die Made im Speck. Doch unglücklicherweise orientierte er sich lieber am reichen Westen. So wuchsen Konsumwünsche, die, weil unbefriedigt, eine »systemsprengende Kraft« entfalteten. Bei 12 Jahren Wartezeit für ein als minderwertig empfundenes Auto, verblaßten »Errungenschaften« wie die 5-Pfennig-Schrippe oder Wohnungsmieten von 40,- Mark. Obwohl die DDR keine Wegwerfgesellschaft war, das billige Brot verführte zur Verschwendung.

Mitnichten faßt das Buch die vielen bereits erschienenen Publikationen zur DDR-Konsumkultur zusammen - wie der Rezensent der F.A.Z. meinte. Vielmehr bietet die Autorin einen ergänzten Taschenbuch-Verschnitt ihrer Versandhaus-Fibel Kaufrausch - offenbar speziell für West-Leser (denn sie spricht vom »Leben und Alltag »drüben««).

Das Buch kommt wissenschaftlich daher: Tabellen, Anmerkungen, Abkürzungsverzeichnis und Register fehlen nicht, die Darstellung ist sachlich-nüchtern. Ein Satz taucht jedoch in der Einleitung auf, dessen Flapsigkeit nicht so recht hineinpassen will in die pure Wissenschaftlichkeit: »Nicht wenige Ostdeutsche gedenken jener Momente mit Wehmut, als man noch solidarisch gemeinsam Schlange stand...« Das bezieht sich auf heute und zeigt an, was offenbar die Grundaussage des Buches ist: Es gibt keinen Grund, die DDR-Vergangenheit zu »verklären«. Einverstanden, aber ist es tatsächlich das Schlangestehen, an das mancher Ostler wehmütig zurückdenkt?

Annette Kaminsky: Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR. Verlag C.H. Beck München 2001, Beck'sche Reihe, 176 S., br., Bestellen

 

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