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Zonentalk
Gummihopse und Gasalarm
VON FABIAN TWEDER

Das Internet ist ein flüchtiges Medium. Eine Homepage kann von einem Tag auf den anderen unwiederbringlich verschwinden - genauso wie die DDR.

Deshalb macht es sich gut, eine Sicherungskopie anzufertigen, zumindest vom Brauchbaren, das später vielleicht noch benötigt wird. Etwas ähnliches haben Felix Mühlberg und Annegret Schmidt mit ihrem Internet-Forum »Zonentalk« durchgeführt: Sie siebten knapp 150 Beiträge aus 3500 aus und verewigten sie zwischen zwei Buchdeckeln.

In »Zonentalk«, im Forum wie im Buch, lassen sich bekennende »Zonis« (Ostler in Reinkultur) über ihr Alltagsleben in der DDR aus: Kindheit, Schule, Liebe und Sex, Konsum, Mode, Musik, Armeezeit. Hinzu kommt ein Quantum Ossi-Wessi-Querelen. Das Wort erhält der ostdeutsche Normalbürger, der »Mann von der Straße«, der zu allen Zeiten mancherlei zu erzählen, aber nie etwas zu melden hat.

»Zone«, so pflegten Westler den Ostteil Deutschlands zu nennen, auch als dieser nicht mehr SBZ (Sowjetische Besatzungs-Zone), sondern DDR hieß. Verwenden Ostler das Un-Wort, beispielsweise als Buchtitel, gibt es drei Möglichkeiten: a) sie wollen sich anbiedern beziehungsweise tarnen, b) sie sprühen vor Selbstironie oder c) sie wollen den Westlern eins auswischen.

Bei den Herausgebern von »Zonentalk« kommen b) und c) in Betracht, wobei c) besonders verheißungsvoll scheint: Der Westler in all seiner Unbekümmertheit soll sich ruhig wundern, wenn ihm zu Ohren kommt, was in der »Zone« so alles abging.

Zum Beispiel beim Gummihopse-Spielen im Kindergarten: »Man(n) konnte prima den Mädels untern Rock (so sie einen trugen) gucken«, berichtet ein Schreiber, der sich »Andreash« nennt. »Und auch die Mädchen guckten ganz genau hin, wenn man(n) in kurzen, knappen Höschen die Beine hochschmiß oder sie wie der Teufel grätschte.«

Was Hänschen gelernt hat, davon macht Hans in breitem Umfang Gebrauch. Das beweist »Manfred«, der die »herrlich frechen, angeblich reißfesten Kreppapierkleider« Marke Malimo preist: »Wenn meine Frau gelegentlich so ein Kleid trug (und sie nutzte jede sich bietende Gelegenheit dazu schamlos aus), konnte ich an nichts anderes mehr denken, nur noch an das Eine«, bekennt der Ostler freimütig. »Man konnte, wenn man es nur gewollt hätte - und wer wollte das nicht gerne gewollt haben? - seinem Mädchen das Ding einfach so vom Leibe reißen. Ritsch, ratsch! Allein der Gedanke, daß so etwas möglich war, machte den Reiz dieser Papierkleider aus.«

Natürlich war das Leben in der »Zone« nicht nur Zuckerschlecken. Es hatte auch Haken und Ösen. Längst sind die Feinheiten manchen Drangsalierens nicht vollständig ausgelotet. »Wolfgang« beispielsweise konnte, sturer Eltern wegen, es sich zwar leisten, nicht in FDJ und DSF zu sein, Jugendweihe und Wehrerziehung zu verweigern. »Gemobbt« wurde er jedoch weniger von Lehrern oder Stasi, als von seinen Mitschülern. Was hat sich da im einzelnen abgespielt? Das läßt der Beitrag leider offen.

Der Mangel an bestimmten Konsumgütern erzeugte nicht nur Frust, sondern auch Intensität. Weniger war mitunter mehr. DDR-Jugendliche konnten - unübersteigbarer Reisehürden wegen - ihre Musik-Idole, von Pink Floyd bis Depeche Mode, nicht auf der Bühne erleben. Da wollte man wenigstens die Platten spielen, O-Ton Zonentalk: »Für eine Original-West-LP blätterte man im Durchschnitt 130 Mark hin. Da wurde das Anhören zu einem echten Ereignis: Freunde wurden eingeladen, Wein eingekauft, und dann packte man das kostbare Stück aus, gaaanz vorsichtig. Jeder Quadratzentimeter Cover wurde mit leuchtenden Augen abgeleuchtet, jeder noch so klein gedruckte Satz gelesen und diskutiert. Mit spitzen Fingern kam die Scheibe auf den Teller, mit Antistatik-Bürste und angehaltenem Atem wurden die letzten Staubkrümel entfernt, die die Abnutzung hätten beschleunigen können, dann die Nadel ganz sanft aufgesetzt und ... Wir lauschten, schwiegen und ließen die Musik in uns hinein-, durch uns hindurchfließen.« Das Musikhören wurde auf diese Weise regelrecht zelebriert. Eine Fähigkeit zum Genuß, die sich im Überfluß leicht verflüchtigt.

Zum Auspacken von Westpaketen - obwohl hauptsächlich Altkleider, gekrönt von Jacobs-Kaffee, Sprengel-Schokolade und »den guten Abwaschlappen« - versammelte sich die ganze Familie. Beleidigt war man höchstens, wenn Mehl, Zucker, Reis und ähnliche Grundnahrungsmittel, an denen es im Arbeiter-und-Bauern-Staat keineswegs mangelte, aus dem Karton rieselten.

Am lebendigsten wirken die Beiträge von »Boris Gerlach«. Kein Wunder, sie wurden nicht kürzlich als trübe Reminiszenz ins Internet getippt, sondern stammen aus Original-Briefen, die Gerlach als Wachsoldat im Sommer 1984 direkt aus einer NVA-Kaserne schrieb. Da wird ohne gestelzte Ausschmückungen im Armeeduktus erzählt - zermürbt und erbost, gehetzt und heroisch, noch bebend von der Herzlosigkeit des Geschehens: »Gasalarm. Ich stehe 2 Stunden unter Vollschutz am KDL. Zivilisten laufen vorbei und fassen sich an die Stirn... Entwarnung, ich bin klatschnaß. Einer stand auf dem Dach die ganze Zeit (Luftbeobachtung). Er hatte sich hingesetzt, weil die Sonne zu heiß schien. Ein Anruf vom Stabsgebäude, der Posten auf dem Dach des Wachgebäudes solle sich nicht sonnen (unter Vollschutz!), sondern im Kreis gehen und den strahlend blauen Himmel beobachten. Ich habe ca. 10 Offiziere durchgelassen, kein Einziger hatte Schutzzeug an.«

Die meisten Schreiber ziehen dennoch eine positive Lebensbilanz, werfen sich selbstgewiß in die Brust, von Larmoyanz keine Spur. Das klingt so: »Das Resultat meiner Kindheit und Jugend in der DDR ist, daß ich heute in der Lage bin, Menschen einzuschätzen, unvoreingenommen auf diese zuzugehen und bei anstehenden Problemen des Alltages keine Psychiater und Therapeuten konsultieren muß, wie viele meiner Bekannten aus den alten Bundesländern.«

Den Texten beigefügt sind Fotos von FDJ-Festivals und Mai-Aufmärschen, Kindergeburtstagen, Modenschauen und Wohnungsinterieurs. Erinnerungswütige Schnappschüsse: jubelnde Schüler der Hallenser Hermann-Matern-Oberschule, die in Kniestrümpfen und Sandaletten in die Sommerferien stürmen, oder NVA-Gefreite vor ihrem Spind mit stolz ausgerolltem Maßband. Solche Szenen kennt man, es gab sie - mit wechselnder Besetzung - überall in der DDR.

Felix Mühlberg, Annegret Schmidt (Hg.): Zonentalk. DDR-Alltagsgeschichten aus dem Internet. Böhlau Verlag Wien Köln Weimar 2001, edition böhlissimo, 130 S., S/W-Abb., geb., ca. 19,90 EUR. Bestellen

 

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